„Unwort“ des Jahres 2008 gesucht

Viele Vorschläge zum Abschwung und Gesundheitsfonds

dpa 19.12.2008 Bei der Suche nach dem Unwort des Jahres 2008 dreht sich das Gros der Vorschläge um den Wirtschaftsabschwung und den neuen Gesundheitsfonds. „Das kaputte Finanzsystem spielt bislang die stärkste Rolle“, sagte der Initiator der sprachkritischen Aktion, Horst Dieter Schlosser.

Als Beispiel nannte er „notleidende Kreditinstitute„, „Leerverkäufe“ und „Bangster/Bankster„, eine Mischung aus Banker und Gangster. Die von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählte „Finanzkrise“ werde sehr häufig vorgeschlagen. „Das Wort Krise spielt ja runter. Im Grunde ist es eine Katastrophe“, erläuterte der emeritierte Germanistik-Professor.

Zum 18. Mal werden für das „Unwort“ sprachliche Missgriffe gesucht, die im laufenden Jahr besonders negativ aufgefallen sind, weil sie sachlich grob unangemessen sind oder sogar die Menschenwürde verletzen. Bis zum 9. Januar können die Bürger einzelne Wörter oder Formulierungen aus der öffentlichen Kommunikation vorschlagen, möglichst mit Quellenangabe. Die Fach-Jury gibt ihre Entscheidung am 20. Januar in Frankfurt bekannt. Ausschlaggebend ist dabei das besondere Missverhältnis von Wort und Sache, nicht die Häufigkeit eines Vorschlages.

Im Zusammenhang mit dem Gesundheitsfonds, der von 2009 an gilt, sei beispielsweise das Sprachmonstrum „morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich“ vorgeschlagen worden. Dieser offizielle Terminus stehe dafür, „dass Krankenhäuser dann zusätzlich Geld bekommen, wenn sie möglichst schwer kranke Patienten haben“. Auch die Formulierungen „Betriebsstätten-Fälle“ für Patienten in Arztpraxen und „Menschenrest“ für Schwerstpflegebedürftige gehörten zu den Unwort-Anwärtern.

„Vor einigen Jahren waren wir uns einig, den Armutsgewöhnungszuschlag zum Unwort zu wählen, aber alle Quellen, die wir aufgetan haben, waren bereits in kritischen Texten, so dass wir annahmen, das ist eine Erfindung“, berichtet Schlosser. „In diesem Jahr kommen zwei Leute und zeigen uns genau den Paragrafen in dem Sozialgesetzbuch, in dem das steht.“

Quelle: dpa

www.unwortdesjahres.org

„Wenn die Börsenkurse fallen. . .“

1230057567_chartteaser.jpgDerzeit liest man vielerorts den Reim „Wenn die Börsenkurse fallen . . .

Er wird – sozusagen als Internet-Fake, bzw. Internet-Legende – neuerlich Kurt Tucholsky (1890 – 1935) zugeschrieben. Tatsächlich soll der Reim allerdings – unter „Höhere Finanzmathematik“ – von Richard G. Kerschhofer verfasst worden sein, von dem es heißt, dass er unter dem Pseudonym „Pannonicus“ für die österreichische Zeitschrift „Zeitbühne“ schreibe und der FPÖ nahe stehe.

Ganz gleich, ober der Reim von „links“ oder „rechts“ kommt. Er passt in die Zeit:

Höhere Finanzmathematik

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

Paulis Angriff auf politische Erbhöfe

1229517219_kreisblattpauli.jpgPolitikerin auf Einladung der Liste 2004 in Herford – Scheffer reimt

Von Hartmut H o r s t m a n n

H e r f o r d (HK). Heinz-Günther Scheffer hat mit seiner Liste 2004 eine Menge vor. Dritte Kraft im Rat will er werden. Wie man Erfolg hat, hat ihm jetzt die Frau erklärt, die dazu beigetragen hat, dass die Erfolge der CSU geringer geworden sind: Dr. Gabriele Pauli. »Erfolg ist, wenn man sich selber folgt«, sagte die 51-Jährige – und hielt beim Parlamentarischen Abend der Liste 2004 (am Vormittag im Elsbachhaus) ein Plädoyer für Selbstbestimmtheit und Mut.

Für Heinz-Günther Scheffer zählt Pauli, die den Freien Wählern beigetreten ist, zu den Protagonistinnen des Wahlerfolgs in Bayern – Grund genug, die Frau, die zuvor die bajuwarische Ära Stoibers maßgeblich beendet hatte, nach Herford einzuladen. Gabriele Pauli sieht das damalige Verhalten Stoibers im Zusammenhang mit einer Partei, die nicht mehr auf die Menschen hört. Auch sie habe mit Stoiber gesprochen, aber: »Er hat auf Kritik überhaupt nicht reagiert.« Statt Dankbarkeit für die offenen Worte gab es Bespitzelungen aus der Staatskanzlei – der Rest der Geschichte ist bekannt.

Doch Pauli ging es nicht um eine Abrechnung – aus den Erfahrungen mit einer Mehrheitspartei, die sich ihrer Meinung nach vom Volk entfernt, zieht sie Konsequenzen. Warum nicht den Ministerpräsidenten direkt wählen?, fragt sie.

Überhaupt: Die Bürger müssten an vielen Entscheidungen direkter beteiligt sein. Politik soll nichts mit Erbhöfen zu tun haben. Es müsse auch möglich sein, Macht abzugeben, fordert Gabriele Pauli.

Keine falsche Routine aufkommen lassen, sich immer wieder neu überprüfen – dies überträgt die Politikerin auch auf die Ehe. Ihr Vorschlag, diese solle nach sieben Jahren enden oder aber aufs Neue verlängert werden, empfindet sie als Ja zur Liebe. Oder: »Wenn kein Gefühl mehr da ist, kann man sich trennen, ohne dass die Gesellschaft urteilt.« Die 100 Zuhörer im Elsbachhaus klatschen lautstark, als die Landtagsabgeordnete hinzufügt: »Offiziell heißt es, die Ehe sei das höchste Gut. Aber die Politiker leben ganz anders.«

Doch nicht nur Gabriele Pauli, sondern auch Heinz-Günther Scheffer erhielt großen Applaus. In gewohnter Manier hatte er das Herforder Jahresgeschehen in Versform zusammengefasst. Eine Kostprobe: »Für den Kaufhof hat die Liste / sozusagen über Nacht / stadtentwicklungstechnisch klug / den Investor hergebracht. Schade, dass, weshalb auch immer / niemand den Consultor nennt! / Ist am Ende der Erfolg / unsrer Arbeit nicht gegönnt?«

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Heinz-Günther Scheffer (links) und Daniel Brumberg von der Liste 2004 mit Dr. Gabriele Pauli im Elsbachhaus. Foto: Curd Paetzke

Herforder Kreisblatt 15.12.2008